Kick it like Rubinsky - 28.8..07 - Heuschreckenalarm im Schocken
Kick it like Rubinsky – Kolumne voll mitunter rüder Kunst-Kritik
Heute: Konzert - The Locust.
Raumschiff Rubinsky-UNO, Sternzeit: ein bißchen spät dran, Sektor: A6, irgendwo zwischen Ellhofen und Ilsfeld
"Toppmast an Brücke! Feindlicher Raumschleicher auf der Mittelspur voraus. Geschätzte Geschwindigkeit 50 Knoten, Entfernung 80 meter...70..."
"Rubinsky an Toppmast! Ist es ein Christenfisch?"
"Ein...wie bitte, Sir?"
"Konzentration da oben, Matrose! Ist es ein Christenfisch?"
"Ach so, jawoll Sir, Christenfisch voraus! Ich kann deutlich einen Christenfisch erkennen auf dem Heck!"
"Verdammter Mist!** Steuermann: Überholroutine einleiten. Toppmast! Wie ist die Lage auf der linken Spur?"
**Diese Spezies gilt als der hartnäckigste Schleicher der gesamten Galaxie!
"Sir, eine Flotte Außendienstmitarbeiter mit hoher Geschwindigkeit auf der linken Spur!"
"Harrr! Und die rechte Spur?"
"Sir, ein Bulker auf 2 Uhr, Sir"
"Verflucht noch mal! Alle Mann bereitmachen zum Abdrängvorgang!"
"Maschinenraum an Brücke! Sir, mit Verlaub, das macht die alte Kiste nicht mit! Die Achsmanschette klappert und eine Zündkerze ist bereits ausgefallen!"
"Ihr Leichtmatrosen da unten, was macht ihr denn den ganzen Tag? putzt euch die Zähne mit Schmierfett und ölt euch die Bäuche?"
"Geschützturm an Brücke, Sir, wir haben ein komplettes Magazin Fernlicht-Torpedos scharf. Salve abfeuern?"
"Nein, ich hab eine bessere Idee: Traktorstrahl bereitmachen, wir schleppen die Landratten ins Schocken zu The Locust!"
Crew:"HARHARHAR!"
Sehr zu unserem Leidwesen verloren wir den feindlichen Schleicher etwas später, in einem unfallbedingten Riß im Verkehrskontinuum.
Hätten wir es jedoch geschafft die Blindfische ins Schocken zu zerren, so wären sie nämlich unter garantie einem qualvollen Ohrenbluten oder akuten Kulturschock erlegen. The Locust, besetzt mit Gitarre, Bass, Drums und MiniMoog bringen nämlich eine hochgradig gewaltverherrlichende Mischung aus Grindcore, Hardcore, Math-Metal, Doom, Drone und viel, viel Noise zum größten Vergnügen des Autors dar, wozu gleich drei der Bandmitglieder stimmliche Beiträge in die Mics brüllen, kreischen, grunzen, pfeifen und schmatzen. Leider geht hier die thematische Ebene aufgrund unverständlicher Worte völlig verloren, aber damit kann man auch bei, sagen wir, südamerikanischem Son leben, nicht wahr? Interessant das Stilmittel der immer wiederkehrenden Pausen, Stille, Schweigen (zum Glück hatte dies auch das Publikum größtenteils kapiert), kleine Soundfetzen, ins Mikro pusten etc. Aufgrund der darauffolgenden tätlichen Angriffe aus ultraschnellen und vertrackten Beats und Taktwechsel fängt der Spaß hier auch erst dann richtig an, wenn man begreift, daß kein Mensch von einem verlangt, sich zu dieser Art Musik in irgendeiner Form bewegen zu müssen, sondern: Klappe halten, Augen zu und nimm es wie ein Mann lautet die Devise.
Ein Wort zu den Besuchern des Konzerts: Da der Emporen-Bereich gesperrt blieb war der Autor gezwungen, seinen üblichen Observationsposten gegen einen Stehplatz inmitten des Publikums einzutauschen und konnte so aus nächster Nähe die mitunter gepeinigten, Kopfschmerzen simulierenden und verängstigten Gesichter der alters- und szenemäßig recht ausgewogenen Audienz studieren. In den Pausen, die tatsächlich Songs beendeten wurde aber immer höflich applaudiert. Bemerkenswert auch, daß der Einladung zur Aftershow-Party ("seriously - backstage in a few minutes - double bass dance party!") nach all der Tortur, die, so müßte man meinen, den armen Stuttgartern zugefügt worden war,doch recht zahlreich Folge geleistet wurde. Der Autor selbst nahm vor dem zu niedrigen Alterdurchschnitt dort, und der Aussicht auf Sturztrinken und Diskussionen über den Niedergang der Musikkultur, aus dem the Locust ja ihre künstlerische Essenz ziehen, hastig Reißaus.
Erwähnenswert noch die Vorgruppe, die leider ein bißchen zu wenig Resonanz entfachen konnte (bestimmt wären die Leute wie Geier drauflos gegangen, wären sie nach The Locust aufgetreten). Aux Raus attackierten den Club wie echte Männer nur mit Sequencer, nerdigem Gitarrist und moshendem, kahlrasiertem Shouter, um Hardcore-Techno, lo-fi-Gitarre und Hooligan-Gebrülle ganz im Stile von AtariTeenageRiot abzufeuern, was dem Autor und einigen Wenigen ein fettes Grinsen ins Gesicht trieb. Klasse! Klar, The Locust sind tendenziell ebenso verdammt nah dran an The Dillinger Escape Plan. Aber: Solche Acts brauchen wir hier im Ländle, um all die Mittelstreifenfische auszurotten.
Links: www.thelocust.com Tracks auf Last.fm www.auxraus.com/ www.club-schocken.de/


2 geistreiche Bemerkungen:
Das Dumme an der Sache ist, dass man zwar prinzipiell will, aber letztlich doch nicht kann, denn auf der Autobahn funktioniert das Gegen-den-Strom-Schwimmen nicht in gewohnter Weise. Im Gegenteil: Ohne das entsprechende Vehikel unterm Arsch, könnte man selbst gegenüber dem C-Klassen-Asphalt-Establishment den Kürzeren ziehen. Ich weiß zwar nicht, ob The Locust meine von elektronischer Softporno-Mucke verwöhnten Ohren stimulieren könnten, aber wenn es darum geht, der Autobahnmittelmäßigkeit entgegenzuwirken, sollst Du natürliche freie Hand haben, Pete.
Nun, Jean-Paul, Acts wie The Locust funktionieren als musikkultureller Reset-Knopf, hinterlassen ein weitreichendes Gefühl von Leere, das man auch als eines von Freiheit bezeichnen mag, für Liebhaber von Grindcore o.ä. im selben Maße wie für jeden anderen auch. Sich so etwas mutwillig auszsetzen macht dies Sinn beispielsweise für Produzenten, denen die eigene Softporno-Mucke schon aus den Ohren quillt. Wichtig jedoch vor allem die Induktion anarchistischer Tendenzen im von konservativen Gedankengut überkrusteten Ländle. Musik voller kleiner Hymnen für Diskordier allemal.
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